Leben nach dem geplanten Tod

von


twillerbiene“



Tagebuch


für L.E.L., Nicole und Marie


für die ich nicht gesprungen bin



Manche Namen wurden geändert und manche Zeiten weiß ich nicht mehr. Aber alles ist wahr, zumindest aus meiner Sicht.



Juni 1996 Strafvollzug. Arbeite in einer Art Gefängniskiosk. Verteile Sonderessen. Ein begehrter Job zu dritt, an der „Quelle“, Non-Stop Fernsehen, seltsame Geschäfte, seltsame Position zwischen Gefangenen und Gefängniswärtern, genau in der Mitte des Gefängnisses.


Juli 1996 werde auf meinen Antrag ins Gefängnis meiner Heimatstadt „verlegt“. Eine einwöchige Fahrt in kleinen Bussen mit Minitransportzellen ohne Fenster, von einem Gefängnis ins andere durch halb Deutschland.


August 1996 schreibe das Buch Geh Wissen Weg im Gefängnis auf der Schreibmaschine meines schon lang verstorbenen Großvaters. Eine Gruppe Türken will meine Gefängniszelle für einen von Ihnen haben, damit sie sich wohl besser austauschen können. Ich hatte die sonnige Zelle gerade erst auf meinen Wunsch bekommen und von unmengen Zahnpasta gereinigt, mit der zig Pornobilder befestigt waren. Schläge gegen meine Zellentür. Traue mich nicht mehr zum Hofrundgang.


September 1996 Gerichtstermin. Werde auf Bewährung gegen den Willen der Staatsanwaltschaft freigelassen. Mein Großmutter nimmt mich auf. Zum vierten Mal in meinem Leben. Einmal als sich meine Mutter von meinem Vater trennte, einmal als ich vor meinem Stiefvater flüchtete, einmal zwischen Zivildienst und Studium und jetzt...


Oktober 1996 beginne eine Hospitanz am Schauspiel. Vor den Proben fahre ich Brötchen zu verschiedenen Bäckereifilialen. Ein von sich über alles überzeugter Regisseur läßt mich die Musik vom Kassettenrecorder auf Handzeichen laut und leise drehen. Später übernimmt das die Theatertechnik und ich bin arbeitslos und nur noch müde. Ich verabschiede mich noch vor der Premiere.

Beginne meine Texte bei verschiedenen Veranstaltungen aufzuführen, zum Teil mit Musikstudenten.

Versuche bei mehreren Verlagen mein Buch zu veröffentlichen. Nur Absagen. Nur ein Verleger ist interessiert. Ich treffe ihn einmal, ihm gefallen die Theatertexte, aber nicht die Briefe. Ich höre nie wieder etwas von ihm. Nach einem halben Jahr und vielen unbeantworteten Anfragen versuche ich das Manuskript zurück zu bekommen. Er hat es bis heute nicht herausgerückt. Als ich 2007 zum ersten Mal von „Lila, Lila“ von M. Suter erfahre, das gerade verfilmt wurde und die Parallelen, die Namensähnlichkeiten mich so verwirren, stelle ich mir vor, wie es über irgendwelche Wege weitergereicht wurde, aber manches paßt nicht zusammen. Ich habe mich erst 2005 Lila genannt und da war das Buch von Suter schon erschienen. Rätselhaft.


November 1996 reiße in einem Kino Karten ab. Stundenlanges Rumstehen, Reden und Film gucken verboten, arbeiten nach Stechuhr, für einen miesen Lohn mit einem widerlichen Chef. Beginne bei der Post als Briefträger. Lerne Ali den genialen Kunststudenten kennen, jeden Tag ein neuer Spruch auf dem Anrufbeantworter. Wir machen zusammen Musik mit meinen Texten und einigen Musikstudenten und ich nenne es „Musiktheater“.


Dezember 1996 Lerne durch Kontaktanzeigen mehrere Frauen kennen. Julia die Bibliothekarin, hatte noch nie Sex. Als ich sie streichle, stellt sie sich tot und wird vor Angst steif wie ihre beiden Meerschweinchen, Jason und Medea. Angela, eine Kunststudentin, die von ihrem Freund verlassen wurde. Stockbesoffen will sie, daß ich sie von hinten nehme, dann will sie tanzen und zu einem psychisch kranken Freund, der wilde Computermusik macht. Einmal ruft eine an und will mit mir Telefonsex machen. Kaum hat sie angefangen, ist der Akku leer. Sie rief sogar nochmal an. Ich hatte den Ersatzakku eingelegt, der aber auch nach wenigen Minuten leer war. Sie hat nie wieder angerufen.


Januar 1997 werde zum Briefverteilen in den Stadtteil eingesetzt, in dem Nicole aufgewachsen ist. Eines Tages erkennt mich eine gemeinsame Mitschülerin wieder. Ständig rechne ich damit von Nicoles Brüdern zusammengeschlagen zu werden, ebenso an Nicoles Grab, das ich fast täglich besuche, um ihr nah zu sein und ihr meine Texte vorzutragen. Aber niemals treffe ich jemanden dort. Pflanze immer wieder Walnüsse, esse von ihren Blumen und hoffe, mich zu vergiften. Später soll ich in der Nähe vom Gefängnis Briefe verteilen.


Mai 1997 mache eine Abschlussaufführung in einem kleinen Literaturhaus. Meine Mutter ist da, mein alter Freund und viele Menschen, die ich nicht kenne.


Juni 1997 fliege über Rom und Venezuela nach Bogotá, Kolumbien zu der Psycho-Gemeinschaft, zu der ich von Irland aus segeln wollte. Sie sind im Guerillagebiet, im Nebelwald. Nehme den Bus, aber schaffe es nicht mehr am selben Tag dort anzukommen. Ein kleiner Junge begleitet mich ein längeres Stück zu Fuß, erzählt verständnislos von den Bananen, die sie für uns anbauen. Ich schlafe im Freien, zwischen Bananenstauden und Taranteln. Finde am nächsten Tag zu der Gemeinschaft, ein Mann, eine Frau, zwei Kinder und ein Helfer, Pferde, Kühe und viele Meerschweinchen für die Gartendüngung . Der Helfer schneidet sich mit der Machete seinen halben Daumen ab. Der Nachbar hat riesige Brombeerplantagen, ein Haus mitten im Urwald, ohne Fenster, Hühner im Wohnzimmer, ein laut lärmender Generator liefert den Strom für ein flackerndes Fernsehbild, auf dem fast nichts zu erkennen ist. Jede Menge Dosenbier. Überall Mücken.

In der zweiten Nacht fordert mich der Mann auf, mich ins Bett zu der Frau zu legen. Sie will Sex. Ich sage nicht nein. Am nächsten Morgen beschimpft sie mich, wie schlecht ich im Bett gewesen wäre und das ich nicht offen über meine psychischen Probleme reden würde. Sie macht von mir ein astrologisches Psychogramm, das ich als sehr zutreffend empfinde. Ich habe ihr aber unwissentlich eine falsche Geburtszeit genannt. Eine Plastikplane deckt das undichte Dach, mit einem Hieb der Machete zermatscht die Frau die Taranteln, die im Haus rumlaufen.

Nach vier Tagen reise ich ab, nehme den Bus in den Süden Kolumbiens zu ein paar ausgewanderten Deutschen. Schlafe in der Hängematte. Besuche mit einer Frau einen Archäologiepark, trinke frischen Mangosaft. Fahre mit dem Bus weiter nach Quito, Ecuador. Schlafe in einem runtergekommenen Hotel, treffe eine Frau in einem Reisebüro. Sie erzählt mir von einer Gemeinschaft in Bolivien, ein paar Engländer, die absolut autark leben würden. Sie hatte keine Adresse, aber ihre Namen und ich bekäme vielleicht eine Auskunft beim Konsulat in La Paz.

Nehme den Bus über Peru Richtung Bolivien. An der Küste Wüste, dann auf 5.000 Meter Höhe, die Stoßdämpfer fixiert und dann im Volltempo über Feldwege durch die karge Hochebene, nur ein paar Schafe und Lamas. An einem Haus spielen Kinder, stürmische Winde.

Übernachtung in Puno, Peru in einem Hotel, das mir ein aufdringlicher Jugendlicher vermittelt hat. Er verkauft mir eine falsche Busfahrkarte nach Bolivien.

In La Paz fällt mir das Atmen schwer. Nehme ein Mehrbetthotelzimmer. Das Konsulat weiß nichts von den Engländern. Nehme den Bus Richtung Brasilien, in den Regenwald. Zwei Tage Busfahren, dann eine Übernachtung im Hotel in Guajará-mirim bei laufendem Ventilator und unerträglicher Hitze. Mit dem Boot über die Grenze nach Brasilien. Zeige meinen zerfledderten Kinderimpfpass und erkläre, daß ich alle nötigen Impfungen hätte. Die Grenzbeamten verstehen kein Wort, aber glauben mir. Dann der Schock in Brasilien, ein brasilianischer Real gleich einem Dollar. So wird die Reise durch das riesige Land für mich unbezahlbar, zahle für zweihundert Kilometer Bus soviel wie für zwei Tage Bus durch Bolivien. Will von Porto Velho mit dem Boot nach Venezuela und dann zurückfliegen. Finde den Hafen nicht und bin mit den Nerven am Ende. Versuche zurückzutrampen. Jede Menge VW-Käfer fahren an mir vorbei auf dem Weg zur nahen Autofabrik. Es wird dunkel und ich laufe immer weiter. Spanische Missionare halten an und nehmen mich mit. Ich kann bei Ihnen übernachten. Am nächsten Morgen fahren sie mich zur Grenze, einer steckt mir einen Brief zu mit der Adresse einer Freundin. Erst wieder in Deutschland sehe ich, daß er mir darin bolivianisches Geld zugesteckt hat. Ich schickte es ihm wieder zurück, habe aber nie erfahren, ob er meinen Brief bekam.

Der Bus fährt erst wieder in zwei Tagen. Mich nimmt gegen Geld ein Lastwagen mit. Ich verbringe zwei Tage und zwei Nächte ganz oben auf den Tropenholzbrettern, die er geladen hat, angebunden, um nicht im Schlaf herunterzufallen. Dann bleibt der Laster bei einer Flussüberquerung stecken. Mich nimmt ein vorbeikommender Jeep gegen Geld weiter nach La Paz. Wieder in Puno trinke ich gegen jeden Rat einen Tee mit Gelatine von einem fahrenden Verkäufer, die immer wieder in die Busse einsteigen und einem alles verkaufen wollen. Bald bekomme ich den schlimmsten Durchfall und Brechreiz. Ich behalte nichts mehr in mir. Die nächtliche Fahrt über die holprige Hochebene wird zur Qual, der einzige Gedanke eine Toilette. Ich versuche es mit Zucker- und Salzwasser, doch am Ende rettet mich Cola.

Mit dem Bus Tag und Nacht wieder zurück nach Bogotá. Insgesamt 10.000 Kilometer in einer Woche. Habe ein offenes Rückflugticket, doch die Fluggesellschaft sagt, daß es in absehbarer Zeit keine freien Plätze mehr gäbe. Ich müsse kurz vor Abflug am Flughafen versuchen, einen Platz zu bekommen. Steige über Kranke, Schlafende oder Tote mitten auf den Straßen Bogotás.

Rückflug mit viel Ananassaft und Migräne.


Juli 1997 laufe von meiner Großmutter los mit Rucksack in den Süden. Verbringe eine Nacht auf einem Kieswerk in einem kleinen Häuschen, dann eine Nacht in einem Wald in einem kleinen Unterstand. Mein Fuß schmerzt so, daß ich den Zug wieder zurücknehme.

Nach einer Woche nehme ich den Zug nach Italien. Rückkehr zu den Elfen. Verbringe ein Jahr dort, lerne Sabine kennen, die einen Bekannten dort besuchen will und im Bett eines andern landet.


Dezember 1997 besuche Sabine in Deutschland. Dann wieder nach Italien. Mal kommt sie zu Besuch, dann wieder ich. Claudia kommt überraschend aus Deutschland zu Besuch nach Italien. Ich hatte ihr mal geschrieben und sie vielleicht gehofft, mich wiederzusehen. Sie sieht mich mit Sabine zusammen, heult und reist wieder ab.


Oktober 1998 ich gehe zurück nach Deutschland und ziehe mit Sabine in eine kleine Kellerwohnung, zusammen mit Harald dem Chinesischdollmetscher. Fange wieder an bei der Post zu arbeiten, meine Texte aufzuführen, gewinne den ersten Preis bei einem Poetry Slam und werde beim zweiten Auftritt mit dem Abrahamtext ausgebuht. Ich finde zwei Musiker und mache mit Ihnen mehrere Theater- und Radioauftritte, meist fast ohne Zuschauer trotz Werbung und guter Zeitungskritik.


Dezember 1998 ich finde ein Grundstück zum Pachten und beginne es zu bewirtschaften. Die Pächter, zwei Schwestern haben mir alle Freiheiten gegeben für mein Selbstversorgerprojekt. Doch als die eine Schwester sieht, wie ich die ganze Wiese umgegraben habe, weint sie und es ist klar, daß nach der fünfjährigen Pachtzeit Schluß sein würde.


Januar 1999 ich lerne über den Künstler Ali Iris, eine Schauspielerin kennen, die hauptsächlich freiberuflich von Kindertheater lebt. Sie engagiert mich für die Bühnentechnik, Auf- und Abbau und die Autofahrten zu den Aufführungen. Wir fahren durch ganz Deutschland, mal in die Schweiz. Viele Hotels und viele Kinder.


Juni 1999 Alfio aus Italien besucht mich und Sabine. Er läßt einen Riesentopf Kirschmarmelade anbrennen. Wir besorgen Zwerghühner für meinen Garten von einem Kleintierzüchterverein.


Dezember 1999 fahre nach Italien zum Jahreswechsel


April 2000 kaufe von einem widerlichen Bauern eine traumatisierte Ziege mit weiblichen Zicklein, die er mindestens genauso schlecht wie seinen geistig behinderten Helfer behandelt. Kaufe Kaninchenvom Kleintierzüchterverein für meinen Selbstversorgergarten, der immer größer wird. Versuche alles anzubauen. Von Getreide über Gemüse, Kartoffeln, Obst, Lein, Heu, Apfelwein, Bier, Schnaps.... Eine alte Frau gibt mir noch ihren Garten in der Nähe zum Bewirtschaften. Schleppe zigmal mit einem Handwagen den Ziegenmist zur Düngung den Berg hoch.


Mai 2000 mache eine letzte Aufführung mit den beiden Musikern in einem alternativen Café. Die beiden wollen nicht mehr weitermachen Sie können mit den Texten nichts anfangen. Ich spiele einen Kellner. Die meisten Besucher verstehen kein Wort. Die Kinder amüsieren sich.


Juni 2000 werde mit Iris nach Seattle zu einem internationalen Kindertheaterfestival eingeladen. Freue mich auf den Flug übers Meer mit Fensterplatz. Beim Start werde ich vom Flugpersonal gebeten aufzustehen, da ich den einzigen Platz habe, bei dem die Armlehne hochzuklappen wäre und eine „Behinderte“ würde diesen Platz dringend benötigen. Wie ich aufstehe sehe ich diese „Behinderte“. Sie ist einfach so dick, daß sie zwei Plätze benötigt. Ich sitze neben ihrem spindeldürren Mann, der sich extra „lowfat“-Essen bestellt hat.

In Seattle erzähle ich Iris, daß ich mal im Gefängnis war. Ich dachte, sie hätte es schon längst von Ali erfahren, aber sie wußte es nicht. Ich erzähle ihr von Nicole und wir schlafen miteinander. Ich verliebe mich immer mehr in sie.

Zurück in Deutschland erzähle ich es Sabine und wir trennen uns. Iris verlangt von mir, daß ich eine Therapie machen müsse, wegen Nicole. Ich will nicht und sie will mich nicht mehr.

Ich finde ein Zimmer in einer WG mit einer angehenden Pastorin und einem Umzugshelfer. Später ziehen beide aus und ich lebe mit einer Lesbe und einer psychisch kranken Goldschmiedin, dann einem verrückten Filmstudent zusammen.


August 2000 ich lerne Christine kennen. Sie bedrängt mich und will unbedingt mit mir zusammen sein. Sie hilft viel im Garten mit.


September 2000 lerne Dagmar und Margot kennen und mache mit ihnen Musik (erst Trommel, dann durch Margot, die sehr an mir interessiert ist und sich Jahre später als lesbisch outet, auch Gitarre) bei einer internationalen Folklore-Tanzgruppe , später spiele ich wie mal als Jugendlicher Schlagzeug in einer Band, zusammen mit einem Theologiestudenten und einem tschechischen Bassisten.


Oktober 2000 beginne als Briefzusteller bei einem Privatunternehmen. Fahre morgens mit dem Fahrrad vollbeladen mit Wasser, Futter usw den Berg zu meinem Garten und den Ziegen hoch, dann hole ich mittags die Briefe, dann nach Hause zum Mittagessen, dann auf einen anderen Berg, um die Briefe zu verteilen, und am Nachmittag wieder hoch zum Garten, manchmal bei der Heuernte, sogar nochmal zwischendrin. Bekomme immer mehr Muskeln.


Juli 2001 ziehe mit Christine in ein kleines Fahrwerkhäuschen in der Altstadt. Unten und auf dem Dachboden ist noch lauter Zeug von der Vermieterin und ihrem Lebensgefährten, der kurz vor Einzug starb und Spinnenforscher war, dazwischen erotische Unterwäsche von ihm.

Christine will unbedingt ein Kind und ich will mit ihr auswandern.


November 2001 Wir fahren mit dem Zug nach Frankreich zu den Wilden und den Lamas. Unterwegs vergesse ich ihren Geburtstag. Drama. Wir fahren zu meinen Großeltern und dann zurück.


Dezember 2001 Wir mieten ein Auto und fahren nach Italien zu den Elfen.

Christine geht für sechs Wochen in eine psychosomatische Klinik. Ich besuche sie öfters. Sie hat eine zweite Fehlgeburt.

September 2003 die alte Frau, die mir den Garten zur Nutzung gegeben hat, erleidet einen Schlaganfall und ist halbseitig gelähmt. Sie kann nicht mehr sprechen. Sie will mir den Garten schenken, ist aber von ihrer Schwester schon entmündigt, die auch schon das Haus von ihr verkauft hat und leer räumen ließ, ohne es ihr zu sagen. Die alte Frau ißt und trinkt nichts mehr und als ich sie nach einer Woche wieder besuchen will, ist sie schon tot.


Oktober 2003 fahre mit Christine an die Ostsee und mieten ein Auto, um uns dort Landkommunen anzugucken. Dort zu leben war schon immer ihr Traum. Ostseebäder, Rügen.


November 2003 Der Pachtvertrag läuft aus und ich löse den Garten auf, verbrenne alles, verkaufe die Ziegen, die Hühner und die Kaninchen.


Januar 2004 flüchte mich immer mehr in meine sexuelle Phantasie, eine Frau zu sein. Eine Nachbarin, die ich immer wieder nackt durchs Fenster beobachte, erregt mich sehr, Christine mich schon lang nicht mehr. Wir schlafen schon länger getrennt, doch einmal nützt die Erregung über die Nachbarin, um wieder mit Christine zu schlafen. Sie wird wieder schwanger. Sie will das Kind, wenn es ein Mädchen wird, Marie nennen. Das sei schon immer ihr Wunsch gewesen. Ich erzähle ihr von meinem Buch und Nicole. Auch ich wollte früher meine eigene Tochter Marie nennen, doch dann habe ich Nicole und dann mich so genannt.

Jetzt weißt du deinen eigentlichen Namen. Bitte verdamme mich nicht!

April 2004 fahre mit dem Fahrrad Richtung Spanien. Schnee und starker Gegenwind. Nehme nach vierzig Kilometer den Zug zu meinem Vater als erste geplante Zwischenstation. Rasiere bei ihm meine ganze Körperbehaarung. Er will, daß ich nicht länger bleibe. Fahre durch den Schnee nach Freiburg. Nehme eine Ferienwohnung, dann habe ich ein Zimmer mit Bad am Sportflughafen.

Höllischer Lärm durch die Hubschrauber der Rettungshilfe, die dort gewartet werden. Neben mir versumpft einer vorm Fernseher mit Simpsons. Kaufe zig Sexartikel, die ich mir in den Hintern schiebe. Kann fast zwei Tage nicht mehr sitzen und habe dauernd das Gefühl, pinkeln zu müssen. Gehe auf eine Erotikmesse und bewerbe mich als Sexmodell. Kaufe mir einen Fernseher plus DVD-Player, um endlos Pornofilme zu gucken.

Christine ruft an und besucht mich.


Mai 2004 fahre mit dem Fahrrad wieder zu Christine in unser Häuschen. Gehe mit ihr zu einem Geburtsvorbereitungskurs. Soll ihren Bauch anfassen, mit dem Kind reden. Kann es nicht.


Juni 2004 gehe zu zehn verschiedenen Therapeuten, Psychiatern. Bei einem war Sabine lange in Therapie. Er weiß sofort, wer ich bin: der „Bratkartoffelesser“! Wenn ich Ihnen von Nicole erzähle, sehe ich lange Gesichter. Manche sagen, sie können mit mir nicht arbeiten, mit manchen kann ich nicht. Einen treffe ich als Frau später zweimal zu einem Blinddate. Durch ein Mißverständnis gerate ich zu einem Psychoanalytiker, der auch im Gefängnis gearbeitet hat. Wollte eigentlich eine Körpertherapie. Frage, ob ich mal seine Liege ausprobieren darf. Dort bleibe ich zweimal die Woche für fast vier Jahre liegen.


Juli 2004 kaufe mir einen Laptop und schaue ohne Ende Pornofilme. Mache meine eigenen Filme mit mir als Transvestit in der Hauptrolle. Christine entdeckt meine Dessous und möchte gern mit mir als Frau schlafen. Ich kann es nicht. Beginne im Internet auf Sexforen rumzusurfen. Pflege meinen Körper und sonne mich nackt im Garten.


August 2004 lasse meine Nase operieren, die mir einer ohne ersichtlichen Grund auf der Straße mit einem Hieb zertrümmerte, als ich sechszehnjährig mit Nicole auf dem Weg zur Disko war. Habe höllische Schmerzen. Operateur zufrieden und zeigt allen begeistert die Polaroidaufahme von meiner Nase vor der Operation, um zu zeigen, wie gut er sie hinbekommen hat. Früher hatte ich eine eher griechische, schmale Nase, dann nach dem Schlag eine breite Boxernase und jetzt eher eine Stupsnase. Ich bekomme durch die Nase noch schlechter Luft als vor der Operation.


September 2004 erzähle zum ersten Mal einem Menschen, meinem Therapeuten von meiner Travestie. Habe schon die Sachen meiner Mutter, dann meiner Großmutter, dann von Nicole, dann von Christine getragen. Als Kind wurde ich manchmal für ein Mädchen gehalten. Später erfahre ich, daß meine Mutter lieber ein Mädchen haben wollte. Ich hätte Sophie heißen sollen. In der Pubertät spielte ich dann für einen Freund öfters das Mädchen, damit er seine sexuelle Lust ausleben konnte. Ich zupfte meine spärlichen Barthaare und schrieb an der Universität ein Referat über Pierre Klossowski, Paul Klee und sein „berüchtigtes Mannweib“. Auf Reisen hatte ich oft einen Badeanzug im Rucksack, den ich manchmal nachts allein im Schlafsack trug. Fange an, mir Gedanken über meine sexuelle Identität zu machen.


Oktober 2004 unsere Tochter kommt zur Welt. Eine Hausgeburt. Es dauert lang und die Hebammen überlegen zur Sicherheit in die Klinik zu fahren. Vermittele Christine Ruhe und Sicherheit und sie schafft es unter großen Schmerzen den großen Kopf herauszupressen. Durchtrenne in Trance die Nabelschnur. Für eine Woche meine ich mit der ganzen Welt in Frieden und Liebe zu leben. Vergrabe die Plazenta unter einem Rosenstrauch auf dem Grundstück der alten Frau, das ich zum Ende des Jahres räumen muß.


November 2004 Christine hat nicht genug Milch. Streiten uns, wer die Milch geben darf. Trage meine Tochter mit dem Tragetuch stundenlang auf lange Spaziergänge. Ärger, wenn ich sie zu spät zum Stillen bringe. Kampf ums Sorgerecht, Unterhalt.


April 2004 meine Nase wird nochmal operiert, damit ich besser Luft bekomme. Kein Erfolg.


Mai 2005 Christine fährt zu ihren Eltern und sagt, sie kommt erst wieder, wenn ich ausgezogen bin. Finde eine Kellerwohnung in einem anderen Stadtteil. Ziehe um. Habe meine Tochter dreimal nachmittags für ein paar Stunden unter der Woche.


Juli 2005 pralle mit dem Fahrrad bergab auf ein Auto, werde mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gefahren, Schürfwunden und zwei verletzte Zähne. Übernachte bei Christine. Sie will ein zweites Kind von mir. Wir schlafen miteinander, sehne mich nach einem harmonischen Familienleben. Komme morgens nicht aus dem Bett. Christine motzt mich an. Verziehe mich wieder in meine Kellerwohnung. Ärzte denken, der Kiefer könnte gebrochen sein, und wickeln um jeden Zahn einen Draht und binden die Ober- und Unterzähne mit Gummiringe zusammen. Mit einer Schere trenne ich nach wenigen Stunden in Panik alles wieder auf. Habe Angst vor einem neuen Unfall und will mit meinem Fahrradjob aufhören. Mache dennoch weiter.


August 2005 letzter Operations-Versuch mit der Nase, wieder kein Erfolg. Lebe damit, mit einem Finger den Nasenflügel leicht zu verschieben, um richtig Luft zu bekommen.


September 2005 obwohl ich im Internet als Transvestit einen weiblichen Partner suche, melden sich nur Männer, die Interesse an mir haben und meinen Camsex mögen. Irgendwann treffe ich mich mit einem. Habe zum ersten Mal Sex mit einem Mann und will mehr. Schreibe Kontaktanzeigen für Männer und werde von Angeboten überhäuft. Mit einem will ich meine Fesselungsphantasien ausleben, ein Elektriker. Er kommt mit einem Haufen Kabelbinder, Handschellen, Lasagne und Canneloni. Er fesselt und füttert mich. Die Handschellen schneiden in meine Haut. Ich bitte ihn, sie wieder aufzumachen. Er sagt, er habe die Schlüssel vergessen. Merke, wie leichtsinnig ich war. Er sagt, er habe gescherzt und öffnet die Schellen wieder. Er rät mir, daß ich mit Sex ein bißchen Geld verdienen könnte.


Oktober 2005 beginne mich im Internet zu prostituieren, heiße „Lila, die etwas andere Frau“ Es melden sich viele ältere Männer. Verliebe mich ein wenig in Hans, einem Rechtsanwalt aus München, der mich immer sein „Engel“ nennt. Er will mich nach München einladen, meldet sich aber nie wieder. Verdiene viel Geld, das ich sofort wieder für teure Kleidung, einen neuen Computer etc ausgebe.


November 2005 bekomme im Internet Kontakt zu Transsexuellen. Erkläre einer, daß ich gerne Brüste hätte, aber mehr nicht. Die Männer wollen mich zwar als Frau, aber mit Schwanz. Ich mag ihn aber nicht benutzen und oft sind sie enttäuscht. Einer ist so verärgert, daß er mir kein Geld geben will und wird aggressiv. Einmal schaffe ich es, einen Türken mit weiblichen Körper zu ficken. Es ist schrecklich für mich. Ich mag es, gefickt zu werden. Aber es ist schlimm für mich, nicht geliebt zu werden. Mag es aber, mich zu zeigen, Männer zu erregen und verdiene jetzt auch Geld mit Camsex.


Dezember 2005 suche im Internet einen festen, männlichen Partner und lerne Oli aus dem Ruhrgebiet kennen, der sich als Gräfin bezeichnet. Er will Fotos und Filme von mir machen. Wir schreiben uns täglich. Ich verliebe mich in ihn, ohne ihn gesehen zu haben. Für ein paar Wochen breche ich den Kontakt zu meiner Tochter ab, kriege es nicht auf die Reihe, mich zu prostituieren und tagsüber ein normaler Vater zu sein. Ich kaufe mir eine Fickmaschine. Ein Dauerrenner für meine Kunden. Werde immer wieder versetzt. Einmal habe ich Angst vor einem, der mich später noch verfolgt. Muß immer wieder Sperma von ekligen Typen schlucken. Manche stinken. Manche tragen selbst Dessous. Alle wollen an meinen Schwanz. Manche zahlen, ohne selbst einen hoch zu kriegen. Am liebsten mag ich es, nach dem Sex noch zu reden. Die wenigsten wollen das. Einmal habe ich Sex mit einem Päarchen. Fühle mich überflüssig. Einmal steht meine Exfreundin überraschend vor der Tür und ich bin schon geschminkt und gekleidet für den nächsten Freier. Einmal sieht ein zufälliger Besuch meine Dessous, die noch an einem Kleiderhaken hängen und fragt mich, ob ich eine Freundin habe. Ich meine, nein, daß seien meine.


Januar 2006 Oli kommt mich für ein Wochenende besuchen. Ich hole ihn am Flughafen ab. Mein erstes Mal in weiblicher Kleidung in der Öffentlichkeit. Er will, daß in meiner Wohnung nichts ist, daß ihn daran erinnert mit einem Mann zusammen zu sein. Ich hänge eine Krawatte an die Wand. Er will mich nicht küssen, aber jede Menge Sex, macht viele Fotos. Eine Woche später kommt er nochmal, um mich zu küssen. Für mich ist es wunderschön. Ich verliebe mich zum ersten Mal richtig in einen Mann.


Februar 2006 stelle beim Amtsgericht einen Antrag auf Vornamensänderung. Eine Nacht davor fällt mir ein, daß ich vielleicht schon nach den neuen gewünschten Vornamen gefragt werde. Ich entscheide mich fast spontan für Marie.


März 2006 beginne weibliche und ein Mittel gegen die männlichen Hormone zu nehmen. Eine Ärztin verschreibt mir diese, da ich ihr erzähle, ein ihr bekannter Psychiater habe sie mir empfohlen. Nach einer Woche beginnt meine Brust zu schmerzen und zu wachsen. Ein schönes Gefühl für mich. Ich beginne viel zu schwitzen. Unter mir verschimmelt meine Matratze.


April 2006 Oli erzählt mir, daß er einen neuen Transvestit als Freund habe. Ich breche zusammen und sende ihm seine Geschenke per Post zurück. Habe Sex mit Michael, dem Exfreund seines neuem Partners. Bekomme eine Lungenentzündung. Bin am Ende vor Husten und Fieber. Denke Aids zu haben und mache einen Test: negativ. Bekomme Besuch von der Kriminalpolizei, die mich wahrscheinlich über meine Homepage ausfindig gemacht hat. Verstehe nicht den Grund ihres Besuches, aber lösche sofort alle Internetanzeigen. Höre auf, mich zu prostituieren. Lerne Peter, einen verheirateten Unternehmensberater kennen. Wir sehen uns oft, da er viel in der Nähe arbeitet. Er übernachtet immer wieder bei mir, gibt mir Geld. Wir fahren an den Bodensee, nach Straßburg, in den Schwarzwald auf den Spuren seiner Kindheit. Ich verliebe mich in ihn. Er meint, daß seine Ehe zerrüttet sei und sie sich wahrscheinlich scheiden lassen werden.


Mai 2006 lerne Sina kennen, eine Transsexuelle, die aber offiziell als Mann lebt, arbeitet und verheiratet ist. Wir unternehmen viel, machen Fotos, Ausflüge, gehen shoppen.


Juni 2006 lege mich immer wieder nackt an den Badesee, mit kleinen Brüsten und Penis, irritierte Blicke, meine Tochter fragt mich, was ich bin, Mann oder Frau, ich sage beides.


Juli 2006 werde von zwei Psychiatern, die ich mir ausgesucht hatte, für die beantragte Vornamensänderung begutachtet. Beide haben keine Zweifel an meiner Transsexualität und erfinden sogar noch Dinge in ihren Gutachten, damit alles noch runder wirkt. Nach meiner Tochter und wie ich als Frau Vater sein kann und dem direkten Bezug zu dem Wahnsinn mich jetzt wie Nicole zu nennen und wie sie, eine Frau sein zu wollen, werde ich nicht befragt.


August 2006 fliege mit meiner Tochter zu meinen Großeltern nach Südfrankreich. Sie sehen zum ersten und vielleicht letzten Mal ihre Urenkelin und mich zum ersten Mal als angehende Frau. Ablehnung und extreme Hitze.


Oktober 2006 Peters Ehefrau findet eine SMS von mir auf dem Handy und ruft bei mir an, während Peter noch schläft. Sie ist erstaunt eine männliche Stimme zu hören und legt auf. Peter erklärt mir, daß er mich nicht mehr sehen kann. Ich breche zusammen und lasse mir von meiner Psychiaterin Beruhigungstropfen und Tavor für den Notfall verschreiben. Habe den Termin beim Amtsgericht. Die mir wohlgesonnene Richterin: wie lange leben Sie schon als Frau? Ich: ich lebe schon seit sechs Jahren in dieser Stadt. Die Richterin: ich meine, wie lange Sie sich schon als weiblich fühlen? Ich: ich nehme jetzt seit sechs Monaten weibliche Hormone. Sie: ok, damit ist für mich alles geklärt. Mein Vorname wird in Marie geändert. Der beisitzende Staatsanwalt lächelt nur und fragt mich, ob mein Freund da draußen auf mich wartet. Ich meine nur: nicht ganz. Es ist Michael, der mich begleitet hat und denn ich wieder mal benutze um über meinen Trennungsschmerz hinwegzukommen. Ich beantrage einen neuen Personalausweis und werde überall als Frau eingetragen. Auf der Straße werde ich immer mehr ausgelacht. Habe Bartstoppeln und kleine Brüste.


November 2006 beginne auf Kosten der Krankenkasse meinen Bart weglasern zu lassen, später lasern sie auch noch die Brusthaare und die Haare auf dem Bauch. Viele Haare kommen wieder.


Januar 2007 habe immer wieder Blinddates mit Männern aus dem Internet. Einer kommt aus Berlin angeflogen. Nach der ersten Nacht nimmt er lieber ein Hotel. Manche will ich nicht.


Februar 2007 lerne Turgay kennen, einen verheirateten Türken, der Angst vorm Schwulsein hat, wenn er mit mir zusammen ist. Sex im Schrebergarten.


März 2007 lerne Klaus aus Bremen kennen. Besuche ihn oft. Er bezahlt die Zugtickets.


April 2007 ich lasse meinen Adamsapfel abschaben und die Stimmbänder straffen. Kann zwei Wochen nicht reden. Meine Stimme hat sich nicht verändert. Peter antwortet auf eine meiner vielen Mails, die ich ihm trotz Trennung regelmäßig geschrieben habe und wir sehen uns wieder. Es ist nicht mehr das gleiche, aber ich liebe ihn immer noch. Er hat jetzt unter der Woche ein Zimmer in der Nähe und wir sehen uns fast jede Woche.

Juni 2007 schaue mir mehrere Kliniken für eine Geschlechtsoperation an. Bei einer muß ich vor versammelter Ärzteschaft meine Hose herunterlassen, ob meine Penisgröße ok ist. Je größer der Penis umso mehr Material für die neue Vagina. Treffe nach dem Klinikbesuch Oli für einen Nachmittag.


Juli 2007 diesmal werden meine Stimmbänder vernäht, um meine Stimmlage zu erhöhen. Die Naht geht teilweise wieder auf.


August 2007 es wird nochmal genäht. Meine Stimme verändert sich wieder nur sehr wenig. Mache Logopädie. Auch kaum Erfolg. Ich traue mich kaum noch zu sprechen. Immer wieder erlebe ich sehr irritierte Blicke.


September 2007 besuche mit meiner Tochter Klaus in Bremen.


Oktober 2007 fliege mit Klaus für zehn Tage nach Madeira. In der Nacht vor dem Abflug verletzt er mit dem Finger meinen Anus. Es gibt einen Riss und ich habe die schlimmsten Schmerzen und sehe die schönsten Landschaften meines Lebens. In einem Krankenhaus bekomme ich ein starkes Schmerzmittel, das nur wenig hilft. Überlege, mich aus dem achten Stockwerk des Hotels zu stürzen, Klaus schläft.


Dezember 2007 zum zweiten und letzten Mal in meinem Leben ficke ich einen Mann, Peter. Ich möchte keinen Penis mehr. Einen Tag später, drei Tage vor meinem Geburtstag bekomme ich ihn im Krankenhaus, in dem ich geboren wurde, abgeschnitten.



Frankfurter Himmel und Hölle




Zuerst zu einer Ärztin, dann zu einer völlig desinteressierten, Kaffee trinkenden Anästhesistin. "Geschlechtsangleichende Operation" hält sie für ein Unwort und meine Erklärungen, warum man nicht mehr von "Geschlechtsumwandlung" spricht für ziemlich doof.

Ich komme in ein winziges Zweibettzimmer mit einem Balkon, der beinahe größer als das Zimmer ist. Es gibt nur ein kleines Bad mit Waschbecken und Toilette ohne Dusche. Die ist auf dem Gang im Stationsbad.

Das Zimmer wirkt veraltet. Keine Gardine. Da ist nur ein dunkelblauer Vorhang. Wenn man den zuzieht, ist es stockfinster. Später heißt es auf meine Beschwerde, die Gardinen seien in der Wäsche. Direkt gegenüber ist ein Krankenhausgebäude und in weiterer Ferne einige Wolkenkratzer. Es ist das "Transenzimmer". Hier werden meistens die transsexuellen Patienten untergebracht Es hat die Nummer 666, in der Johannes Offenbarung das Zeichen des Teufels. Und das in einem diakonischen Krankenhaus!

Zu essen bekomme ich nichts mehr und nur noch zwei Liter, eklige, nach Vanille schmeckende Abführflüssigkeit. Noch beim Schreiben verdreht sich mein Magen. Zwei Stunden habe ich zum Trinken und schaffe einen Liter und ein Glas. Dann ist mir so übel und meine Migräne, die ich fast täglich bekomme, seitdem ich die Hormone wegen der Thrombosegefahr abgesetzt hatte, wird so schlimm, daß ich gar nichts mehr trinken kann. Zwei Schmerztabletten helfen da auch nicht mehr. Warum tue ich mir das an, denke ich, und überlege meine Sachen wieder einzupacken und abzuhauen.

Ein Pfleger bringt mir ein kleines Fläschchen Abführflüssigkeit. Ich soll das Zeug mit einem Schluck trinken. Es ist nicht ganz so eklig, doch erbreche ich alles wieder. Ich bekomme ein Zäpfchen gegen die Schmerzen.

Um sechs soll ich am nächsten Morgen geweckt werden (ich habe vergessen einen Wecker mitzunehmen und mein Handy traue ich mich noch nicht zu benutzten). Genug Zeit, um zu duschen und mich in aller Ruhe auf die Operation um acht vorzubereiten. Um sieben weckt mich dann die Krankenschwester und alles muß zack zack gehen. Ich hatte mich zwar am Abend vorher noch meiner restlichen Schambehaarung entledigt, doch der Schwester ist das noch nicht gründlich genug. Dann schnell duschen, OP-Wäsche anziehen und schon gings los.

Im OP-Vorraum frage ich die Anästhesisten, ob ich denn den operierenden Arzt noch vorher sehen würde? Sie lachen und meinen, ER würde mich schon sehen. Wenig später schlafe ich ein und wache ein paar Stunden wieder mit starken Schmerzen auf. Ein paarmal verlange ich ein Schmerzmittel, aber erstaunlich schnell fühle ich mich wieder fit und komme zurück auf mein Zimmer. Dort erwartet mich eine 64jährige Transsexuelle, die morgen ebenso operiert werden soll. Ja, für die Geschlechtsoperation gibt es keine Altersbegrenzung und ihr machte sie wohl auch nicht viel aus. Zumindest schaut sie mich immer mit großen, fragenden Augen an, warum ich mich so anstelle. Die zwei Liter Abführflüssigkeit trinkt sie so, als ob es sich um sächsischen Wein handelt (von dort kam sie her) Ich nenne sie mal: Gertrud.

Ab und zu fasse ich meinen Verband an, aber viel fühlen konnte ich da nicht. Der Arzt hätte mir auch einen zweiten Penis angenäht haben können. Gegen Abend ist dann mein Verband schon ziemlich blutig und ich muß zum ersten Mal nachgenäht werden. Insgesamt dreimal.

Öfters rutscht der Platzhalter (ein aufblasbarer Dildo, der in der neuen Vagina steckt) raus und das wieder Reindrücken ist wahnsinnig schmerzhaft. Ich beginne den Gynäkologenstuhl, auf den ich fast jeden Tag muß, zu fürchten.

Zwei Tage nach der Operation sehe ich dann endlich den Operateur, den Professor bei der Chefvisite. Mein erste Frage war natürlich, ob bei der Operation alles gut gegangen sei und dann habe ich noch drei kleine, kurze Fragen, die ich ihm stellen will. Er meint gleich, daß er das bei der Visite grundsätzlich nicht mache. Wann denn dann, wollte ich wissen? Und mißmutig beantwortet er knapp meine Fragen, die ich kaum stellen kann. So habe ich mir das wirklich nicht vorgestellt. Fragende Patienten scheinen für solche Ärzte nur nervig zu sein???

Peter kommt mich mit einer Flasche Champagner und vielen Leckereien, die ich nicht hinunter kriege, besuchen. Einmal kommt Klaus mit einer großen Dose Kekse. Christine schickt mir einen Blumenstrauß in die Klinik. Ich telefoniere mit meiner Tochter und schicke ihr ein Foto mit Hilfe von Peters Handy.

Am Wochenende muß ich dann auf diese widerliche Bettpfanne. Danach bekomme ich den Hintern mit zwei oberflächlichen Wischen "sauber" gemacht. Auf meine Bitte, es doch ein bißchen gründlicher zu machen (selber konnte ich das nicht), meint die Krankenschwester nur, das sei schon in Ordnung. Ich fühle mich so richtig eklig. Am nächsten Morgen versuche ich, unter großen Anstrengungen das bei der morgendlichen Wäsche so gründlich wie möglich nachzuholen. Ich habe meinen Appetit völlig verloren und kann vor Übelkeit auch nichts mehr trinken. Ich komme wieder an den Tropf und vertrage dann nur noch Gemüsebrühe.

Christine schickt mir Blumen ins Krankenhaus, telefoniere mit meiner Tochter, der ich später über Peters Handy ein Foto von mir im Krankenhaus schicke. Muß viel heulen.

Am Montag kommen unter Schmerzen die Drainagen und der Platzhalter raus und ich darf wieder aufstehen. Gleich ins Stationsbad, Haare und den ganzen Körper gründlich waschen. Noch nie in meinem Leben war das so anstrengend und ich muß mich ein paarmal hinsetzen und einmal auch hinlegen. Danach bin ich völlig fertig, aber auch voller Wohlgefühl.

Jetzt geht es los mit dem "Bougieren"(nichts anderes, als den Platzhalter wieder einzuführen und drinnen festzuhalten), und zwar soll ich das fünfmal täglich für 40 Minuten machen, dazu Kamille-Sitzbäder à 10 Minuten.

Das ist äußerst schmerzhaft und auch die Sitzbäder sind wegen der unangenehmen Position kaum auszuhalten.

Aber ich weiß ja, daß ich da durch muß und denke mir, mit jedem Tag kann es ja nur besser werden. Doch da irre ich mich sehr!

Am nächsten Tag tut es noch mehr weh und am Mittwoch bekomme ich den Dildo gar nicht mehr rein. Die Krankenschwester, die ich um Hilfe rufe, ertastet eine Schwellung innerhalb der Vagina und stopft den Dildo einfach mit Gewalt dahin hinein. Ich schreie und weine vor Schmerzen und wieder höre ich so was wie, da müssen sie durch. Nach einer viertel Stunde lassen die Schmerzen etwas nach und ich denke, daß diese OP wirklich etwas wie eine Neugeburt ist. Aber nicht so, wie ich ursprünglich dachte, daß ich neugeboren werde, sondern wohl eher, daß ich selber gebäre und so wie in natura, unter extremen Schmerzen. Aber ich bin gewillt da durchzugehen.

Dann erklärt ein Arzt, daß wir verlegt werden sollen. Das Krankenhaus müsse zwei Männer aufnehmen und es gäbe nur noch drei freie Frauenplätze. Also müssen wir in ein Fünf-Bett-Zimmer. Das könne ja auch ein "Gaudi" werden, meint er.

Ich komme mit einer geistig verwirrten Frau zusammen, die die ganze Zeit redet, und mit meiner Gertrud und noch einer älteren Frau. Die drei scheinen sich ganz gut zu verstehen. Ich setze nur noch meinen Kopfhörer auf und drehe die Musik auf vollste Lautstärke. Es ist unmöglich in das winzige Bad noch irgend etwas reinzustellen, und die Schränke sind so groß wie die Schließfächer im Schwimmbad zur Umkleide.

Ich werde zum Fädenziehen gerufen. Schon der Umzug hat mich ziemlich geschwächt. Unten angekommen, soll ich mich in ein volles Wartezimmer setzen. Sitzen kann und darf ich aber nicht. Zuerst stelle ich mich hin. Wie ich jedoch merke, daß ich langsam den Boden unter den Füßen verliere, gehe ich einfach in den leeren Behandlungsraum und lege mich auf den gynäkologischen Stuhl. Ach, Sie sind ja schon da, werde ich einige Zeit später begrüßt.

Die Ärztin zieht die Fäden und schaut sich mein Innerstes an. Ich stöhne wieder vor Schmerzen und sie gibt mir einen festen Dildo zum Bougieren. Sie stopft ihn einfach rein und zeigt mir, wie tief er sitzen soll. Ich weine vor Schmerzen und sie meint, ich solle mich entspannen. Tja, und dann wieder: da müssen Sie durch...

Und jetzt? Soll ich in meinem Fünf-Bett-Zimmer vor den drei Frauen und dem Besuch, der immer wieder zur Tür reinplatzt, meine Beine spreizen und einen Dildo für vierzig Minuten einführen, dann ins Bad wanken, mich abduschen und ein Sitzbad nehmen und das fünfmal am Tag? Gertrud macht das, aber ich finde dies unzumutbar und entwürdigend. Also besorge ich mir einen Servierwagen, packe alle benötigten Sachen darauf und fahre ins Stationbad, schließe mich da ein und meinen MP3-Player plus Boxen an. Allerdings ist da nur eine unbequeme Liege zum Bougieren. Ab und zu klopft jemand an die Tür, der die Toilette benutzen will und manchmal wollen die Schwestern rein, um eine OP vorzubereiten oder etwas rauszuholen. Die Luft ist ziemlich stickig, eben feucht und direkt davor eine höllisch laute Baustelle. Aber ich bougiere weiter und das trotz immer stärker werdender Schmerzen. Da müssen Sie durch, höre ich am nächsten Tag wieder auf dem Behandlungsstuhl, wie ich meine Tränen abtrockne. Ist es denn wirklich so schlimm? meint in meinen Ohren etwas süffisant klingend der Professor. Wie bougieren Sie denn dann? will er noch wissen. Unter Schmerzen, erkläre ich. Tja, höre ich noch und dann ist er wieder verschwunden.


Um mein "Pensum" zu erfüllen, muß ich auch spät nachts noch bougieren. Einmal trifft mich die Nachtschwester um halb drei auf dem Gang mit meinen Servierwagen. Sie guckt mich wie ein Gespenst an und erklärt mir, wieviel Uhr es sei. Nun ja, das weiß ich auch und auch das ich wieder früh aufstehen muß, um weiterzumachen.

Donnerstag nacht kommt dann der Zusammenbruch. Die Schmerzen werden immer schlimmer und ich bougiere immer verzweifelter. Nach einer viertel Stunde merke ich dann, daß ich nicht mehr kann. Ich stöhne und weine nur noch verzweifelt. Ich versuche mich von dem Dildo zu befreien, indem ich die Luft aus ihm lasse. Die Krankenschwester Alice hat mich aber schon gehört und klopft an die Tür, ob alles in Ordnung ist. Ich meine, daß ich gleich aufmache, kann mich aber noch nicht richtig befreien. Ihre Kollegin öffnet mit einem Inbusschlüssel die Badtür. Ich heule und alles was sich diese Tage angestaut hatte, kommt aus mir raus. Alice hält meine Hand und hört zu. Dann kommt ein Arzt dazu. Er meint zwar, daß ich durch die Hormonabsetzung sicher ein psychisches Defizit hätte und bietet mir ein Beruhigungsmittel an, doch kann er mein Argument mit dem für mich unerträglichen Fünf-Bett-Zimmer verstehen und meint, daß ich am nächsten Tag unbedingt mit der Direktion sprechen solle und auch mit dem Professor. Er wolle es ihm ausrichten.

Alice rät mir, vor dem Bougieren ein Schmerzmittel und ein Gleitmittel, das etwas örtlich betäubt, zu nehmen. In der Nacht gelingt mir dann auch so das Bougieren.

Dennoch bin ich fest entschlossen alle Hebel in Bewegung zu setzen, um dieser "Hölle" zu entkommen.

Am Morgen rufe ich in einem anderen Krankenhaus an und bitte um eine sofortige Aufnahme, sozusagen als Notfall. Die Sekretärin ist ziemlich überrascht und weiß nicht, was sie sagen soll. Sie meint, daß wahrscheinlich eh kein Bett frei wäre und wolle erstmal mit der leitenden Ärztin sprechen und mich dann zurückrufen. Auf meine Frage, was wäre, wenn ich einfach vor der Tür stünde, meint sie bloß, daß sie mich dann abweisen würden.

Ich probiere es noch bei einer anderen Klinik. Auch hier weiß die Sekretärin nicht weiter und verbindet mich mit dem leitenden Arzt persönlich. Er erklärt mir, daß bei ihm die Betten bereits auf dem Gang stünden. Außerdem meint er, daß ich auf keinen Fall mit dem Zug zu ihm fahren soll, dadurch würde alles noch schlimmer werden. Ich solle auf jeden Fall mit dem Professor sprechen. Er würde ihn als einen vernünftigen und freundlichen Menschen einschätzen. Ja, so habe ich ihn auch beim ersten Gespräch kennengelernt.

Wie ich wieder in mein Zimmer komme, finde ich dann meine Medikamente mit "Herr S." beschriftet. Kann ja mal vorkommen, aber in der Situation ist es nur noch Hohn für mich. So bringe ich die Tabletten zu den Schwestern zurück und lasse mir später andere geben.

Am Mittag gehe ich dann zum Sozialdienst im Krankenhaus, um dort nachzufragen, was ich machen könne. Die Frau hat schon ihren Urlaubszettel an die Tür geklebt und ist eigentlich am Gehen. Sie zeigt wenig Verständnis für meine Situation, meint, wie stolz sie wäre dem großartigen Team vom Professor anzugehören und rät mir, mich bei der Direktion zu beschweren. Sie gibt mir zwei Telefonnummern und erklärt, daß sie jetzt alle schon bei der Weihnachtsfeier wären.

Am Nachmittag ist dann Chefvisite. Ich frage den Professor, ob er ausgerichtet bekommen habe, daß ich mit ihm persönlich sprechen möchte und er meint, daß ich jetzt gleich zur Untersuchung käme und dies die beste Gelegenheit dazu sei.

Kurz darauf werde ich zur Untersuchung gerufen und soll mich dort wie immer nackt in den Behandlungsstuhl setzen. Ich weigere mich und erkläre, daß ich erstmal mit ihm persönlich sprechen möchte. Das sorgt für Aufregung bei den dortigen Pflegern und Ärzten. Warum ich ihnen das Leben schwer machen möchte, werde ich gefragt. Ich entschuldige mich, daß es auf ihren Rücken ausgetragen werde, aber ich mich dennoch erst untersuchen lasse, wenn ich mit dem Professor persönlich gesprochen habe. Auf dem Stuhl fühle ich mich ihm ausgeliefert.

Ein bißchen später kommt er, sichtlich genervt und mich fragend, was das Theater solle. Er wolle mich untersuchen, hätte eigentlich schon Feierabend und sei noch in einer Operation. Ich bitte ihn, sich ein paar Minuten Zeit für mich zu nehmen. Er sagt irgendwas ironisches und ist mit einem Bein schon wieder draußen.

Ich erkläre ihm, wie enttäuscht ich war, ihn vor der Operation nicht mehr habe sehen zu können und meine Fragen nicht beantwortet zu bekommen. Er meint, dafür gebe es das Erstgespräch, das ich bereits einige Monate vor der Operation hatte und anders wäre dies nicht möglich. Dann erzähle ich von meinen Schmerzen bei den Untersuchungen. Daß ich mich nicht ernst genommen fühle und es doch möglich wäre, vor der Untersuchung ein Schmerzmittel zu geben. Auch diesen Punkt läßt er nicht gelten. Dies sei organisatorisch nicht möglich. Ich sage, daß es eine Zumutung wäre, in einem Fünf-Bett-Zimmer zu bougieren und dies sieht er ein. Er meint, daß ihm das auch gar nicht gefällt und fragt die umstehenden Ärzte, ob nicht ein Zimmer frei wäre. Einer meint was von einer Station, wo eines frei wäre und der Professor verspricht mir, daß ich verlegt werden würde. Dann gibt er mir die Hand und fragt mich, ob wir uns wieder versöhnen. Er würde mich jetzt gern untersuchen. Ich schlage ein und bitte ihn, vorsichtig zu sein. Das ist er auch. Was er sieht, gefällt ihm leider nicht. Alles hat sich bei mir entzündet.

Ich frage, ob ich zum Bougieren ein Schmerzmittel nehmen könne und er willigt ein, wenn es nicht anders ginge. Eine Ärztin, die mich bereits besonders gequält hatte, findet dies aber nicht gut. Sie meint, dann würde ich mich an die Schmerzmittel gewöhnen.

Ich komme auf die Privatstation in ein großes, schönes Zweibettzimmer, mit einem großen und schönen Bad. Alles ist sauber, neu und in angenehmen Farben. Dazu ein DVD-Player, Fernseher und das wichtigste, viel Platz, Ruhe und alle Zeit der Welt, um dem Bougieren und den Sitzbädern nachzukommen. In diesem Zimmer gelingt mir dies gut. Zwar überrascht mich am Anfang. daß zwei, dreimal irgendwelche Besucher in meinem Zimmer stehen, die ganz woanders hin wollen. Aber ein Zettel, den mir eine Krankenschwester schreibt, auf dem steht "bitte nicht eintreten!" und den ich immer von außen an meine Tür hänge, wenn ich am Bougieren war, bewahrte mich vor solchen ungebetenen Besuchern, aber nicht vor dem Ärger der Putzfrau und des Pflegepersonals.

Später lese ich dann in meiner Akte: Patientin will oft ungestört sein und hängt ein Schild an ihre Tür.

Meine Schmerzen werden allerdings immer heftiger. Ich brauche immer mehr Schmerzmittel. Der Professor glaubt nochmal operieren zu müssen. Doch dann sieht es nach zwei Tagen wieder besser aus. Die Schmerzen werden weniger und ich kann mich wieder besser bewegen. Auch mache ich zum ersten Mal ein bißchen Pipi und das empfinde ich als so witzig, daß ich kichern muß. Ich habe es geschafft, einen Moment nicht daran zu denken und so geht es.

Bei den Untersuchungen werde ich plötzlich mit Samthandschuhen angefasst und schon vorher gewarnt, bevor es überhaupt weh tut.


Da ich endlich richtig pinkeln kann, bekomme ich am nächsten Tag, den Schlauch aus meiner Blase gezogen. Und siehe da, die Schmerzen sind fast völlig weg.



Weihnachten 2007 werde ich entlassen und fahre zu Klaus nach Bremen. Auf einer Silvesterparty streiten wir uns, er ist stockbesoffen. Ich fahre am Neujahrsmorgen mit starken Schmerzen nach Hause.


Januar 2008 treffe ständig irgendwelche Männer übers Internet, teilweise drei am Tag. Viele wollen nur Sex, manche mehr. Habe kurze Beziehungen zu einem Klinikumsfahrer, der Segelfahrten in Griechenland organisiert, zu einem arbeitslosen Imker, der in völlig vermülltem Haus lebt, zu einem 130kg schweren Türken, der eine Kampfsportschule leitet, zu einem Beamten, der so viel Frauen wie möglich übers Internet abschleppen will, Sex mit einem Wunderheiler.


April 2008 fliege mit Klaus für vier Tage in die Türkei, Kusadasi. Habe heftige Schmerzen, weil die Wunde nach der Operation einfach nicht verheilen will und das Bougieren weiterhin höllisch wehtut. Türkisches Bad, viele gehässige Blicke der türkischen Männer.


Juli 2008 werde nochmal in Frankfurt operiert, angeblich wird ein Venushügel geformt, die Schamlippen verkürzt und Polypen entfernt. Peter fährt mich hin und kommt einmal zu Besuch, auch ein Künstler, der zwei Bilder von mir gemacht hat und mit dem ich ein paarmal Sex hatte. Er schenkt mir einen selbstgemachten Engel/Vogel aus Plexiglas.


August 2008 das Bougieren und Sex ist fast nicht mehr möglich, da meine Vagina immer enger und kürzer wird.


September 2008 Vernissage mit dem Künstler und den zwei Bildern über mich, sehe Oli wieder, seinen Partner, die Frau des Künstlers, viele Transvestiten, fühle mich schrecklich.


November 2008 lerne in der Disko Thomas kennen. Das erste mal, daß ich einen Mann kennenlerne, zu dem sich ganz langsam eine Beziehung entwickelt.


Dezember 2008 in einer anderen Klinik wird mein Unterbauch aufgeschnitten und ein Stück von meinem Dünndarm an die Neovagina genäht, damit die tiefer und breiter wird. Thomas besucht mich oft. Peters Ehefrau findet einen Chat zwischen mir und ihrem Mann, in dem ich von den Vorzügen meiner neuen Vagina schreibe. Peter bricht den Kontakt zu mir ganz ab. Ich komme mit Thomas zusammen.


März 2008 fahre mit Thomas in den Schwarzwald zum Langlaufen.


Ostern 2008 die Heizung meiner Nachbarin über mir leckt und das Wasser läuft in meine Wohnung.


Juni 2008 ich ziehe zu Thomas und wir renovieren und richten seine völlig vermüllte, zugestellte und verdreckte Zweizimmerwohnung neu ein.


Juli 2008 werde noch oft an der Vagina operiert, Verdacht auf Polypen, Zysten. Am Ende finden sie das Übel: ein 6cm langer Faden, der sich selbst auflösen sollte, war eingewachsen und die Wunde konnte nicht verheilen. Ich erinnere mich noch an den Professor in Frankfurt, der beim Fädenziehen sagte, hoffentlich habe jeder, der mich nach der Operation noch nachgenäht hatte, auch genau dokumentiert, wo die Nähte liegen.


August 2008 Probleme mit Thomas werden immer schlimmer.


Mai 2009 in meine Brust wird auf meinen Wunsch Silikon implantiert, um sie zu vergrößern, große Narben, starke Schmerzen.


Juli 2009 werde im Sommer leicht bekleidet auf dem Fahrrad oft von irgendwelchen Handwerkern, Bauarbeitern beschimpft, ich sei ja gar keine Frau. Im Winter seltener.


Oktober 2009 Selbstmordversuch mit den Beruhigungstropfen und einem Dutzend Tavor, die ich vor zwei Jahren von meiner Psychiaterin verschrieben bekam. Bewußtlos, Thomas holt den Krankenwagen, mein Herz setzt aus, werde wiederbelebt. Soll in die Psychiatrie, will aber nicht.


Februar 2010 werde nochmal an den Stimmbändern operiert. Meine Stimme verbessert sich, nicht mehr so heiser, aber weiterhin sehr schwach und eher männlich.


März 2010 immer mehr Streit mit Thomas, habe keine Freunde, keine Bekannte, niemand.


Juli 2010 Selbstmordversuch mit Nikotinpflaster von Thomas. Nur leichte Übelkeit.


September 2010 Fahrt nach Hamburg, Indie-Rock-Konzert, dann nach Berlin. Heirate dort Thomas, um meinen Nachnamen loszuwerden. Verschwitzter, dicker Standesbeamte zitiert Wilhelm Busch und seine Großmutter, besuchen alten Studiumskollegen von Thomas. Nach der Hochzeit zu meiner alten Wohnung, wo ich Nicole getötet habe, weiß nicht mehr welche Hausnummer, Häuser wirken gleich, gehen in einen Hinterhof, ähnlich wie der, in den ich gesprungen bin, habe Angst, daß mich jemand wiedererkennen könnte, trinken Kaffee am Ende der Straße, dann zum Gefängnis, essen davor Tiramisu und Kuchen mit Blick hoch auf die vergitterten Fenster der Zellen, dann ins Kino, Micmacs auf französisch und dann über den Straßenstrich, Tacheless, streiten uns über den Nachhauseweg, spät in der Nacht, keine Busse, laufen, laufen, laufen. Am nächsten Tag an die mecklenburgische Seenplatte, nehmen falschen Zug, dann Taxi, Kanu und Kajak fahren, kalt, Regen, viele Mücken. Fahren an die Ostsee, teuer, schlechtes Wetter, viele Rentner, Kranich gucken. Nacht am Strand im Regen, Rückfahrt zuerst Boot, dann Zug. Nacht am Berliner Hauptbahnhof im Strandkorb, dann über Frankfurt zurück, besuche Grab von Nicole, meine Mutter, Wilco Konzert.


Oktober 2010 Selbstmordversuch mit Alkohol, leichte Vergiftung, Bewußtlosigkeit, danach nur Kotzen und heftigste Kopfschmerzen.

Stürze mit dem Fahrrad und schürfe mir tief den Arm auf.


November 2010 lerne verheirateten Indie-Rock-Fan übers Internet kennen, wird eine intensive Emailliebesbekanntschaft. Er will mich besuchen kommen und ich soll Thomas für die Zeit ausquartieren. Ich erzähle ihm, daß ich mal ein Mann war, er kommt damit nicht klar, neuer Selbstmordversuch mit Alkohol, Kopfschlagen an die Tür, wieder Bewußtlosigkeit und dann Kotzen und Kopfschmerzen.


Dezember 2010 Auseinandersetzungen mit Thomas werden immer schlimmer. Viele Sachen gehen kaputt. Thomas trinkt immer mehr und wird aggressiver. Ich habe Angst, rufe im Haus um Hilfe. Er will ausziehen. Kaue viele Nikotinkaugummis, um mich zu beruhigen, zu berauschen, schlucke immer wieder größere Mengen Antidepressiva. Kaufe im Internet LavaRed, eine legale Droge, die aber kaum Wirkung bei mir hat.


Januar 2011 trinke Absinth und probiere verschiedene Naturdrogen aus, die ich im Internet bestelle. Meist wenig Wirkung und meist große Übelkeit.


Februar 2011 Thomas betrinkt sich und rastet aus. Er droht mit Selbstmord. Ich rufe die Polizei und er geht für 3 Wochen in die Psychiatrie.

Treffe mich mit Männern aus dem Internet, kann kaum mehr schlafen, trinke viel, viele Nikotinkaugummis. Nehme viele Schlaftabletten, Selbstmordversuch damit, kotze in Thomas Armen alle wieder aus.


wird fortgesetzt.





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